Zeit und Arbeit

Wir leben in einer Arbeits(zeit)gesellschaft. Die Arbeitszeit und das Verhältnis von Arbeits- und Freizeit (Work-Life-Balance) sind daher zentral für die eigene Zeitkultur.

Aufgrund der Bedeutung und Vielfältigkeit des Themas werden im Zeitsalon immer wieder Initiativen, Thesen, Gesetzesvorhaben, Untersuchungen, etc. vor- und zur Diskussion gestellt. Bei Themen, die auch im Zeitsalon behandelt werden, findet sich ein entsprechender Link. Sie können dadurch jederzeit nachlesen was bereits diskutiert wurde und sind herzlich eingeladen, ihre eigene Meinung hinzuzufügen.

Arbeitslosigkeit und Zeit

Lässt sich Arbeitslosigkeit weg denken? Arbeit hat in unserer Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert; sie ist positiv besetzt. Wenn „Arbeit“ gesagt wird, ist „Erwerbsarbeit“ gemeint. Wer Arbeit hat, gehört dazu, wer arbeitslos ist, ist materiell und gesellschaftlich ausgeschlossen. Das Bedrückende an dieser sehr verkürzt dargestellten Logik der Arbeitsgesellschaft ist, dass wir alle in ihr aufgewachsen sind und sie damit auch Teil von jedem Einzelnen von uns ist. Daher ist es für die meisten Menschen in nur schwer vorstellbar ohne Arbeit ein zufriedenes Leben zu führen. Das gilt besonders dann, wenn die materielle Sicherheit mit der Arbeit verbunden ist. Allerdings zeigen z.B. die vielen Beispiele, in denen der übergang ins Rentnerdasein mit „einem Fall ins schwarze Loch“ verglichen wird, dass ein geregeltes Arbeitsleben auch einen nicht-materiellen Wert darstellt.

Es ist inzwischen gesellschaftlicher Konsens, dass Vollbeschäftigung nicht erreicht werden kann. Ohne Erwerbsarbeit zu sein ist und wird in unserer Gesellschaft daher etwas ganz Normales sein, auf das jeder persönlich, in der Familie oder im Freundes- und Bekanntenkreis treffen kann. Es ist jedoch noch ein weiter Weg, Arbeitslosigkeit auch als normal zu empfinden. Neben politischen Maßnahmen, die eines Sozialstaates würdig sind, ist dazu auch ein Umdenken jedes Einzelnen erforderlich.

Spätestens seit den berühmt gewordenen Untersuchungen der Arbeitslosen von Marienthal ist bekannt, dass mit dem Verlust von Arbeit das Selbstwertgefühl verloren geht. In dem kleinen Dorf in der Nähe von Wien schloss 1929 der einzige Arbeitgeber, eine Textilfabrik, und auf einen Schlag betrug die Arbeitslosigkeit in Marienthal nahezu einhundert Prozent. Hoffnungslosigkeit, der Verlust von Zeitstrukturen und Zeitgefühl so wie mangelndes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten waren das Ergebnis. Diese Symptome sind nicht selten die Ursache von psychischen Krankheiten. Zum Umdenken gehört daher, Arbeitszeit gesellschaftlich so zu definieren, dass es allen Menschen möglich gemacht wird ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln und zu erhalten.

Viel versprechend auf dem Weg des Umdenkens sind die vielfältigen überlegungen zu einer Erweiterung des Arbeitsbegriffes. So wird beispielsweise zwischen Bürger-, Familien- und Erwerbsarbeit oder zwischen Eigen-, Erwerbs-, Gemeinschafts- und Versorgungsarbeit unterschieden. Das Gemeinsame dieser Ansätze besteht darin, dass sie auf der Verantwortung des Einzelnen gegenüber sich selbst und dem gesellschaftlichen Umfeld basieren. Ein Weg zum Umdenken ist daher, dass sich jeder über die eigenen Verantwortungsebenen bewusst wird und sich die eigene Arbeit entsprechend einteilt. Das gilt für Menschen mit Erwerbsarbeit ebenso wie für Menschen ohne Erwerbsarbeit. Umgekehrt ist damit auch verbunden, bei der Schaffung von Arbeitsplätzen, wie z.B. die Vorstandsarbeit eines Vereins, nicht nur diejenigen zu berücksichtigen, die über Erwerbsarbeit verfügen.

Ein weiterer Weg des Umdenkens ist die gesellschaftliche Akzeptanz von Arbeitslosen. Dieses Ziel verfolgen beispielsweise die Glücklichen Arbeitslosen. „Die glücklichen Arbeitslosen sind Menschen, die arbeitslos und glücklich sind oder die gern arbeitslos und glücklich sein möchten. Dazu gehören auch diejenigen, die gern arbeiten … doch die Möglichkeit einer glücklichen Arbeitslosigkeit für andere unterstützen.“ (www.diegluecklichenarbeitslosen.de) Wie oben gesehen, ist es alles andere als einfach, zugleich glücklich und arbeitslos zu sein. Zu einem Umdenken in einer Gesellschaft mit einer Normalarbeitslosigkeit könnte daher auch gehören, diejenigen gezielt zu fördern, denen es gelingt, Arbeitslosigkeit und Glück miteinander zu verbinden.

Lässt sich die Arbeitslosigkeit also weg denken? Für die Erwerbsarbeitslosigkeit gilt sicherlich genau das Gegenteil. Es wird auch in Zukunft viele Menschen ohne Erwerbsarbeit geben und es ist Aufgabe jedes Einzelnen, das zu akzeptieren und die daraus resultierenden Probleme anzugehen. Ein herausfordernder Weg des Denkens ist es, neben der Erwerbsarbeit weitere Arbeitsformen gleichberechtigt nebeneinander zu stellen und somit jedem in der Gesellschaft den Zugang zu selbst bestimmter Arbeit verbunden mit einem positiven Selbstwertgefühl zu ermöglichen. Und wer selbst bestimmt und gesellschaftlich anerkannt arbeitslos ist, dem sollte auch das seltene Glück zu Teil werden können, dass er die Arbeitslosigkeit nicht mehr fühlt.

Arbeitszeitflexibilisierung

Arbeitnehmer bieten, je nach persönlichem Bedarf, ihre Arbeitszeit an. Arbeitgeber fragen, je nach Marktanforderungen, Arbeitszeit nach. Daraus ergeben sich Arbeitszeitmodelle und -vereinbarungen, die flexible Tages-, Wochen-, Monats- und Jahresarbeitszeiten unterschieden nach Dauer und Lage ermöglichen. So werden theoretisch die Eigenzeitansprüche von Mensch und Organisation durch Arbeitszeitflexibilisierung ideal miteinander verbunden. Doch wie sieht die Praxis aus? In einer von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Auftrag gegebenen Untersuchung „Flexible Arbeitszeiten“ haben die Oldenburger Arbeitspsychologen Prof. Friedhelm Nachreiner und Dipl.-Psych. Daniela Janßen untersucht, welche körperlichen, psychischen und sozialen Folgen flexible Arbeitszeitsysteme mit sich bringen können und haben daraus Empfehlungen für die Gestaltung solcher Systeme abgeleitet.

Drei Thesen zur Flexibilisierung von Arbeitszeiten

  1. Um die Eigenzeiten von Menschen und Organisationen miteinander in Einklang zu bringen, sind flexible Arbeitszeiten ein ideales Instrument. Es geht davon aus, dass vielfältige Zeitbedürfnisse nicht durch EINE einheitliche REGELarbeitszeit befriedigt werden können.
  2. Voraussetzung für eine entsprechende Umsetzung ist ein fairer Aushandlungsprozess, der insbesondere Respekt und Verständnis für die Zeitkultur des jeweils anderen erfordert.
  3. Es ist notwendig, die eigene Zeitkultur zu kennen und ernst zu nehmen. Damit sind sowohl die chronobiologischen Rhythmen des menschlichen Körpers wie auch die individuellen Präferenzen bei der Gestaltung der eigenen Tages-, Wochen-, Jahres- und Lebensstruktur gemeint.

Arbeitszeitverlängerung

Der Ruf nach Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich wird immer lauter. Damit soll der Wirtschaftsstandort Deutschland attraktiver gemacht und die Konjunktur wiederbelebt werden. Kann dieser Ansatz funktionieren? Um das zu beurteilen, bietet es sich an, die Auswirkungen einer Arbeitszeitverlängerung für jeden Arbeitsplatz einzeln anzusehen und dann ‚auszurechnen‘ was das für die Gesamtwirtschaft bedeutet. Hier sind Sie dazu eingeladen, sich Ihren eigenen Arbeitspaltz unter diesem Gesichtspunkt anzusehen. Gehen Sie zum Beispiel von folgender Situation aus:

Angenommen, Sie arbeiten 3 Stunden die Woche ohne Lohnausgleich mehr als bisher , was würde sich dann ändern?

  • Würden Sie Ihre Produktivität steigern? Haben Sie Erfahrungen aus dem Arbeits- und Privatleben, die Ihre Meinung bestätigen?
  • Wie würde sich ihre Arbeitszeitgestaltung ändern? Würden Sie einfach jeden Tag 36 Minuten länger arbeiten? Was genau würden Sie in den 3 zusätzlichen Stunden machen?
  • Wie würden sich die 3 zusätzlichen Stunden auf ihre Motivation auswirken? Würde Ihre Motivationsänderung sich lediglich auf die 3 zusätzlichen Stunden auswirken oder auf Ihre gesamte Arbeitszeit?
  • Arbeiten Sie in einem Betrieb, für den flexible Arbeitszeiten wichtig sind? Wenn ja, wie wirkt sich die Arbeitszeitverlängerung auf den Flexibilitätsgrad der Arbeitszeit aus?

Selbst bestimmte Arbeitszeit

Das folgende Statement ist das Ergebnis einer Diskussion im ZEITSALON über die Einführung eines Grundeinkommens.

Nach unserer Ansicht ist die bisherige Diskussion zum Grundeinkommen zu sehr fokussiert auf den Faktor Arbeit. Durch diese enge Sichtweise kommt das dahinter stehende gesellschaftliche Potenzial nur bruchstückhaft zur Geltung. Übersehen wir nicht beim Blick auf die Defizite (Menschen ohne Arbeit) womöglich die andere Seite, die Seite der Ressourcen (Menschen mit Zeit)? Trübt unser Blick auf den materiellen Wohlstand nicht womöglich den Blick auf den Zeitwohlstand und seine Möglichkeiten?

Stellt man den Faktor ZEIT in den Mittelpunkt der Betrachtung, ergibt sich ein erweitertes Bild: Was, wenn jeder Mensch selbst darüber entscheidet, wie viel Zeit er zum Geld verdienen, für die Familie, für Gesellschaftsdienste, … verwendet ? Was, wenn jeder Mensch selbst über seine Zeit entscheiden würde? – Würde es nicht die Bereitschaft aller Bürger/innen stärken, Verantwortung zu übernehmen – für sich, für den Mitmenschen und die Gesellschaft! Wir halten diese Überlegungen für Ansätze zu einer neuen, humanen Zeitkultur in unserer Gesellschaft mit positiven Auswirkungen, die sich nur erahnen lassen.

Wer es riskiert, dieser verlockenden Vision einer neuen Gesellschaft nachzuspüren, dem kommen allerdings schnell Zweifel: Die Idee ist vielleicht zu idealistisch, um wahr werden zu können; sie orientiert sich zu wenig am marktwirtschaftlichen Prinzip der Gewinnmaximierung, als dass die Mächtigen sie zulassen würden; sie basiert auf einer Verantwortungsfähigkeit des Menschen, die sich in unserer Gesellschaft so nicht ausreichend finden lässt. Berechtigte Bedenken! Schließlich sind Zweifel die gedanklichen Testläufe, durch die sich die großen und kleinen Aufgaben für die Realisierung einer Vision erst herauskristallisieren.

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