Gesundheit und Zeit

1. Von der “angina temporis” zur “angina pectoris”

Die Reflexion über den eigenen Umgang mit Zeit ermöglicht eine ganz individuelle Überprüfung der eigenen Geschwindigkeitsnormen, eine Anpassung an ein humanes Tempo und damit an einen gesunden Umgang mit Zeit.
Im Folgenden sollen nur Fragen stehen – die Antworten findet der daran Interessierte beim Nachdenken über seinen Umgang mit Zeit selbst:

Wie stellen wir es an, dass wir keine Zeit mehr haben und oft erst als Kranke Zeit zur Besinnung haben?

Wie entwickeln wir “Zeitkompetenz”, um uns vom krankmachenden Zeitdruck zu befreien?

Wie können wir unser Leben entschleunigen, um nicht auszubrennen ?

Wie finden wir stets das angemessene, das gesunde Zeitmaß ?

Wie erkennen wir den Zeitinfarkt, die Vorstufe des Herzinfarktes?

Gibt es ein “gesundes” Tempo im Leben?

Wie gelange ich vom krank machenden Zeitstress zum gesunden Zeitrhythmus?

Wie arbeite ich an meinem (Zeit-)Bewusstsein?

Wo ist unsere Eigenzeit geblieben ?

Ähnlich wie Schmerzen oft nur wie die Spitze eines Eisberges sind, unter der sich eine allgemeine Gesundheitsstörung verbirgt, ist der schmerzlich erlebte chronische Zeitdruck wie die Spitze eines Eisberges, unter der sich eine allgemeine Zeit-Störung verbirgt.
Sie entstammt nicht selten einer Zeit-Auffassung, wie wir sie aus den Anfängen der Industrialisierung her kennen, in der das Maschinendenken auf den Menschen übertragen wurde. Der Mensch funktionierte im Produktionsprozess wie eine Maschine. Wer diese Zeit-Auffassung auch heute noch verinnerlicht hat, fühlt sich getrieben vom Zeit-Stress und bloß funktionierend für andere. Wie aber ändert man das ? Wie sieht die Therapie bei der Diagnose “angina temporis” aus ?

Bei Menschen, die unter “angina pectoris” (Enge des Herzens) erkrankt sind, spielt das Herz verrückt, oft kam im Leben das Herz zu kurz und man hat eine permanente Angst, dass das Herz stehenbleiben könnte.
Bei Menschen, die unter “angina temporis” (Enge der Zeit) leiden, spielt die Zeit verrückt, sie fehlt ständig. In ihrem Leben kam die den Gefühlen zugängliche Zeit (Kairos) zu kurz und sie haben eine permanente Angst, die Zeit könne stehenbleiben.
Gestaute Eigenzeitwünsche, immer wieder verschoben auf die Zukunft (wenn man mal Zeit hat), entladen sich vielleicht zunächst einmal im Zeit-Infarkt, später dann in lebensbedrohlichere Infarkte.

Interessant ist, dass man die “angina pectoris” mit Nitroglycerin, also einem Sprengstoff, therapiert. Man sprengt die Enge, um dem Herzen im Leben des Kranken wieder Raum zu verschaffen. Wie sieht wohl der “Sprengstoff” in der Therapie der “angina temporis” aus ?

Oft ist gar nicht die Krankheit die eigentliche Krankheit. Dahinter steht nicht selten ein destruktiver Umgang mit der zur Verfügung stehenden Zeit und Ärzte geben immer öfter den Rat: “Machen Sie langsamer ! Nehmen Sie sich Zeit für sich ! Schalten Sie erst einmal ab !” Damit stellen die Ärzte fest, dass das regulative Prinzip für die Zeit verloren gegangen ist und das rechte Zeit-Maß wiedergefunden werden muss. Destruktiver Umgang mit der Zeit führt zu lebenszerstörenden Prozessen.

Unsere Gesellschaft verglich ein “ausgestiegener” Unternehmer einmal mit einem ständig pfeifenden, überhitzten, mit Überdruck arbeitenden Schnellkochtopf.
Wenn jemand übermüdet, erschöpft ist, dann legt er, so nehmen wir gemeinhin an, eine Pause ein: Er ruht sich aus, schläft, regeneriert. Heutzutage ist es aber sehr oft ganz anders. Menschen können so überanstrengt sein, dass die natürliche Wahrnehmung aussetzt. Sie merken dann die eigene Überforderung nicht mehr und legen auch keine in ihren Augen “unproduktive” Pause ein. Aufputschende Getränke und Mittel überspielen diese Phasen oft zusätzlich. Krankheiten sind dann die Krisenzeiten, die eine Pause erzwingen. Das Zeiterleben in der Krise, in der Krankheit, ist nun wie weggewischt.
Bekannte Menschen, die sich nie in die Zeit-Enge treiben ließen und sich stets Eigenzeit nahmen, waren z.B. Jesus, Sokrates, Picasso oder Bertrand Russell. Man kann diesen “Müßiggängern” nicht nachsagen, dass sie nichts zustande gebracht hätten.

Wir können uns nicht oder nur selten aus der Beschleunigungskultur herauslösen, aber wir können an unserer Auffassung von Zeit arbeiten und damit einen neuen Umgang mit ihr suchen. Schließlich “ist der Kopf rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann”, wie Francis Picabia einmal sagte.

Von Menschen, die noch ein gesundes Empfinden dafür hatten, wie schnell bzw. wie langsam sie etwas tun durften, handelt ein Erlebnis, von welchem der Afrikaforscher Livingston berichtete: Als er voller Tatendrang und Neugier durch den afrikanischen Urwald zog, stellte er plötzlich fest, dass seine schwarzen Träger hinter ihm verschwunden waren. Er ging eine lange Strecke zurück und sah sie auf einer Lichtung sitzen. Sie teilten ihm mit: “Wir sind in den letzten Tagen so schnell gegangen, dass unsere Seele nicht nachgekommen ist. Jetzt müssen wir warten, bis sie uns wieder einholt !”

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