Zeitkultur in der Schule

 

Manfred Molicki
Plädoyer für eine neue ZEITkultur in der Schule


Lernen heute – immer mehr, immer schneller, immer gleichzeitiger!
oder
Warum man immer schneller immer mehr lernt und immer weniger kann!

In der Schule leben wir weitgehend nach einer technomorphen Organisationszeit und vernachlässigen, dass wir es beim Schüler, bei der Lehrkraft, aber auch bei der Organisation Schule mit einem sozialen Organismus und nicht mit einer Maschine zu tun haben. Diese besitzen eine Eigenzeitlichkeit, die berücksichtigt werden muss, wenn der Organismus nicht schwerwiegend geschädigt werden soll. Schule besitzt eine Zeit-Dimension, die noch nicht bzw. nicht mehr als echte Ressource genutzt wird. Für die alten Griechen war das nichts Neues. Schule kommt vom griechischen „scholé“ was übersetzt heißt: Muße!

Alle Eltern und Schüler/-innen kennen den Zeitdruck und Stoffdruck, unter dem sich heutzutage das vollzieht, was man allgemein „Lernen“ nennt. Die permanente Zeitbeschleunigung in der Schule, die Organisation von Lernen durch Zeitmangel, wie sie gegenwärtig weitgehend praktiziert wird, verringert permanent das, was einmal „Bildung“ hieß. Lehrer/-innen, die es gut meinen und glauben, immer mehr in immer kürzerer Zeit durchnehmen zu müssen, schaden paradoxerweise dem Lehrauftrag der Schule und arbeiten den in den Bildungsplänen festgelegten allgemeinen Zielen der Schule entgegen. Viele Pädagogen, Eltern, Personalchefs und Hochschullehrer stellen heutzutage ratlos fest, dass die Schülerinnen und Schüler immer schneller immer mehr lernen, aber immer weniger können.

In den Schulen ist vielfach „fast-food-Wissen“ gefragt. Erfolgreich bewertet wird immer mehr nicht der gute, sondern der schnelle Schüler. Scheinbar volle Stoffpläne mit festen ZEIT-Vorgaben treiben viele Lehrkräfte an, ein Tempo vorzugeben, bei dem oft nur die schnellsten Schüler mitkommen, die aber nicht immer leistungsmäßig die besten sein müssen. Nicht zufällig spricht man auch von der „Schul-lauf-bahn“!

Hochgeschwindigkeit wird mit Qualität gleichgesetzt, für die aus der Entschleunigung entstandene Kreativität und Phantasie bleibt kaum Zeit. Es hat weniger Wert. Es ist weniger Sinn-voll. Spätestens hier wird deutlich: Beim Umgang mit Zeit geht es um Werte, um die Sinnfrage.
Die pädagogische Antwort von Eltern und Lehrkräften auf diese Lern-Technisierung muss es sein, der Ent-SINN-lichung entgegenzuwirken und zur Be-SINN-ung zu kommen.

Der Seefahrer John Franklin in Nadolnys Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ beschreibt einmal seine Erfahrung mit Seemannsknoten: Während seiner Ausbildung war der Schüler der Beste, der einen Knoten schnell fertigen konnte. Draußen auf dem Meer kam aber darauf an, wie fest und sicher der Knoten war.

„Zeit-Kompetenz“ – Die General-Schlüsselqualifikation in der Schule

Die in Schulen arbeitenden Personen sind permanent mit dem Faktor Zeit befasst, allerdings in der Regel mit dem Zeitmangel. Dagegen ist der souveräne Umgang mit Zeit, die Zeitkompetenz, im „toten Winkel“ der Pädagogen geblieben. Zeitkompetenz ist eine Generalschlüssel-Qualifikation, die es erst ermöglicht, dass andere Schlüsselqualifikationen wie Fach-, Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz nachhaltig entfaltet werden können. Das beste Fachwissen, vermittelt mit höchster Methoden- und Sozialkompetenz, kann nicht „ankommen“, wenn sich die lehrende Person nicht die angemessene Zeit nimmt und den lernenden Personen nicht die angemessene Zeit gibt. Hier hat gerade die Schule eine zentrale formende Aufgabe, indem sie als Gestalterin der Zeit beim Lernen vorlebt, wie man umgeht mit der eigenen Zeit. Zeitkompetent lehren und lernen setzt voraus, auf der Basis eines für die Schule neuen Menschenbildes und reflektierter Werte stets in der Gegenwart präsent zu arbeiten. Zeitkompetenz ist ein grundlegendes Element in einer gesundheitsfördernden Schule, wenn wir nicht unsere Schüler/-innen und uns selbst in den Zeit-Infarkt treiben lassen wollen. Zeitkompetenz in der Schule – das ist letztlich auch die Fähigkeit zum Umgang mit Komplexität.

Die „Zeitkultur-Schule“ des 21. Jahrhunderts

Die Schule des 19.Jahrhunderts war die „Stoffschule“, in welcher der Stoffkanon im Mittelpunkt stand. Die Schule des 20.Jahrhunderts könnte man als die Methoden- und Medienschule bezeichnen. Mit der mittlerweile nicht mehr vermittelbaren Wissensmenge und dem gleichzeitig wachsenden Individualismus wird sich die Schule des 21. Jahrhunderts zu einer Zeitkultur-Schule entwickeln (müssen), in der die Lehrenden und die Lernenden lernen, kompetent und souverän mit ihrer Zeit umzugehen und dadurch mit jeweils angemessenen Methoden, Medien und Sozialformen die ihnen gestellten Probleme zu lösen. Das kann bedeuten, bewusst zu entschleunigen oder zu beschleunigen. Die „Zeitkultur-Schule“ ist eine sich selbst steuernde „Lernende Organisation“. Führung in der „Zeitkultur-Schule“ heißt, nicht nur zu prüfen, „ob man die Dinge richtig tut“, sondern auch, „ob man die richtigen Dinge tut“. Alle Beteiligten übernehmen die Verantwortung für ihre Zeit, setzen ihre ganz eigenen Prioritäten im gesetzten Rahmen und jammern daher auch nicht über Zeitmangel. Die pädagogische Aufgabe der Zeitkultur-Schule muss es sein, der zunehmenden Entsinnlichung von Zeiterfahrungen gezielt entgegenzuwirken und Zeit-Maß-Erfahrungen machen zu lassen. Dabei sollte neben dem oft schnelleren produktorientierten Weg der scheinbar langsame prozessorientierte Weg die gleiche Wertschätzung genießen.

Sich Zeit nehmen für die Zeit

Die Reflexion über die Zeit, sich Zeit zu nehmen für die Zeit, ist ein erster Schritt zur Selbstverantwortung in der Schule. Das rechte Maß, den rechten Augenblick selbst suchen und finden zu müssen, gehört zu den verantwortungsvollsten Aufgaben der Lehrkräfte. Es gehört sicherlich auch Mut dazu, den Wert der Pause, des Müßiggangs zu schätzen und der kreativen Leere Raum und Zeit zu geben. Zu schnell wird hier der Vorwurf erhoben, es solle eine „Schlafmützenmentalität“ gefördert werde. Das Gegenteil ist der Fall und wer meint, Passivität im Umgang mit den neuen Herausforderungen im Schulbereich zeige sich nur im Nichtstun, der übersieht die gesellschaftlich anerkannte Form von Passivität in Form des Aktionismus, der kurzfristige Scheinlösungen mit langfristigen Dauerschäden hervorbringt. Schnellschüsse haben erfahrungsgemäß eine kurze Haltbarkeitsfrist.

Unter diesen aktionistischen Schnellschüssen hat die Schule in den letzten Jahrzehnten genug gelitten. Während die Verantwortlichen dies auf den veröffentlichten Papieren oft als erfolgreiche Aktionen „verkaufen“ konnten, waren die kompetenten Personen vor Ort (in den Schulen) im Zwiespalt zwischen den verordneten unrealistischen Regelungen und den angemessenen eigenen Umsetzungsideen zu einem lähmenden Stillstand verurteilt.

Nehmen wir in der Schule einmal Abstand von all dem dringlichen Alltagsgeschäft und gehen bewusst mit unserer Zeit um, dann wird aus dem Satz: „Ich habe keine Zeit!“ die Aussage: „Dies (oder jenes) ist mir jetzt wichtiger !“ Nicht der Zeitmangel ist das Problem, sondern unsere Art, wie wir bisher versucht haben, dieses Problem zu lösen. Wer an einer Schule unterrichtet, muss sich die Frage stellen: Macht der Lehrplan mir den Zeitdruck oder benutze ich den Plan zur Legitimation meines selbstorganisierten Zeitdrucks ? Nicht die Zeit ist in der Schule das Problem, sondern das Tempo! Und das bestimmen die in der Schule tätigen Personen!

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