Zeit in der Finanzwelt

Zeit in der Finanzwelt   

Prof. Dr. Elena Esposito

Die Finanz ist und bleibt ein Rätsel – für externe Beobachter aber in vielen Hinsichten auch für Insiders, vor allem seit der Verbreitung der „esoterischen“ Mitteln der strukturierten Finanz, zuerst die berüchtigten Derivate. Da die zirkulierenden Theorien wenige Anhaltspunkte anbieten, könnte man versuchen, woanders einen Interpretationsschlüssel für Finanz (und Wirtschaft allgemein) wiederzuentdecken, der eine lange und angesehene Tradition hat, aber in der Wirtschaftstheorie immer etwas unterbelichtet geblieben ist: die Vorstellung, dass es zum Verständnis der Dynamik der Finanzmärkte (und insbesondere der neuen geheimnisvollen Finanzmittel) nötig sei, die Rolle der Zeit in der Wirtschaft, also die Zeit des Geldes, neu zu denken. Man sollte sich dann fragen, wie die Wirtschaft mit der Zeit umgeht und die Zeit betrachtet, wie die Zeit sich aufgrund der Weise, wie sie benutzt wird, verändert, und schließlich, was die Zeit im Allgemeinen ist (wenn die Zeit davon abhängig ist, wie sie benutzt und wie sie verstanden wird).

Klassische Autoren der ökonomischen Reflexion (zuerst Keynes and Shackle) haben vor vielen Jahren signalisiert, dass Geld in seiner Essenz Zeit ist: Es dient nicht dazu, gegenwärtige Bedürfnisse zu befriedigen (würden wir sie befriedigen, hätten wir kein Geld mehr), sondern dazu, uns in der Gegenwart gegenüber dem unbestimmten Nebel der möglichen künftigen Bedürfnissen zu versichern. Wir wissen nicht, was wir morgen brauchen werden, möchten aber dafür gerüstet sein, um es uns zu besorgen, wenn es nötig wird.  Wenn wir in der Lage sein werden zu bezahlen, werden wir das tun können: Deshalb müssen wir Geld haben und deshalb reicht es nie – die möglichen künftigen Bedürfnisse haben keine Grenze. Die Finanzmärkte spielen mit diesen künftigen Möglichkeiten: Sie verflechten und kompensieren sie gegenseitig, imaginieren und negieren sie, und produzieren gegenwärtige Gewinne ausgehend von der Tatsache, dass die Zukunft unbekannt ist. Im Grunde tun die Finanzmärkte nur zugespitzter, was das Geld immer getan hat: Sie handeln und tauschen in der Gegenwart die Unsicherheit von morgen.

Die Finanzmärkte interessieren sich nicht dafür, was der Fall ist noch wie es der Welt geht. Es ist nicht ihre Aufgabe. Sie verkaufen keine Güter und keine Leistungen, nicht einmal indirekt, noch mit Zeitverzögerung. Sie hängen auch nicht direkt vom Verlauf der Märkte ab, weil sie gewinnen können, wenn die Märkte schlecht gehen, und verlieren können, wenn sie gut gehen. Wovon hängen sie dann ab, und was verkaufen sie?

Es ist heute offensichtlich, dass es auf den Finanzmärkten in erster Linie um die Zeitverwaltung geht – in Form des Risikos, seines An- und Verkaufs, sowie des Spiels von Einflüssen und Verweisungen darauf, wie die Gegenwart die Zukunft sieht und wie die Zukunft sich dann tatsächlich verwirklicht. Was auf den Finanzmärkte verkauft wird, ist die Möglichkeit, Bindungen über die Zeit zu schaffen, sie miteinander zu kombinieren und Profitgelegenheiten zu gewinnen, die oft auf dem gegenwärtigen Gebrauch der Zukunft beruhen – auch und gerade, wenn die Zukunft unbekannt bleibt.

Die berüchtigten Derivate (Futures, Optionen, Swaps und ähnliche Mittel) sind zum Kern (und zum geheimnisvolleren Aspekt) der Dynamik der Finanzmärkte geworden, gerade weil sie Eigenschaften haben, die erlauben, sich von den konkreten Weltgegebenheiten und von der Bezugsgegenwart zu befreien und sich direkt auf die Zeit und ihre Verwaltung zu beziehen. Die Futures, zum Beispiel, sind Abkommen zwischen zwei Parteien, um etwas zu einem künftigen Datum zu einem gegebenen Preis zu kaufen oder zu verkaufen; der Preis wird schon in der Gegenwart festgestellt und ist meistens anders als der aktuelle Marktpreis (Spot Price) des betreffenden Gutes oder der Leistung, und auch anders als der künftige Preis. Mit Optionen dagegen gewinnt der Halter das Recht, aber nicht die Pflicht, die im Vertrag vorgesehene Handlung zu vollziehen: Er kann in der Zukunft entscheiden, ob er kaufen/verkaufen will oder nicht, d.h. ob er die Option ausüben oder darauf verzichten will. Wer eine Option kauft, kauft damit die Möglichkeit, künftig eine Entscheidung zu treffen. Er legt aber noch nicht fest, wie er entscheiden wird: Er beeinflusst die Zukunft, bindet aber das eigene Verhalten nicht.

Mit diesen Mitteln produzieren die Finanzmärkte die Zukunft mit denselben Operationen, die sie zu antizipieren versuchen – indem sie Derivate verkaufen, welche in der Gegenwart die Zukunft binden, und dann sehen, was der Fall ist, wenn die Zukunft kommt. Wer eine Option kauft, generiert eine Bindung, die den Lauf der Zeit beeinflusst und dazu beiträgt, die künftige Realität zu schaffen. Wenn aber diese Zukunft gegenwärtig wird, kann der Käufer immer noch anders entscheiden. Die Zukunft ist gebunden und offen zugleich, und die Märkte handeln gerade mit diesen Bindungen und mit ihren Umwandlungen: Sie handeln nämlich mit dem Risiko und mit seiner Verwaltung.

Das passiert in sehr komplexen und raffinierten Formen: Der Punkt ist hier, dass alle Bewegungen der Finanzen als rein virtuell, haltlos und oft von einer unverständlichen Irrationalität geleitet erscheinen, wenn die Rolle der Zeit nicht berücksichtigt wird. Und so werden in der Tat die Finanzmärkte meistens dargestellt: als der Reich des Wagnisses und der Unvernünftigkeit (trotz des Gebrauchs von Computern und komplexen, formalisierten kalkulatorischen Techniken). Nimmt man die Rolle der Zeit nicht in Kauf, lässt man sich ständig von den überraschenden Bewegungen der Märkte überraschen. Wenigstens die Überraschung sollten wir erwarten können, denn wir produzieren sie zum Teil durch unser Verhalten selbst.

Zur Autorin: Elena Esposito lehrt Kommunikationssoziologie an der Universität Reggio Emilia (Italien). Sie hat 2010 das Buch Die Zukunft der Futures. Die Zeit des Geldes in Finanzwelt und Gesellschaft, Auer, Heidelberg, publiziert (siehe Literaturliste!).

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