Turbokapitalismus

Turbokapitalismus:   Über den Motor der Beschleunigung

PD Dr. Fritz Reheis

„Schneller“, „höher“, „weiter“ – das ist das Fortschrittsprogramm der Moderne. Immer schneller produzieren und konsumieren wir, immer weiter greifen wir dazu in die äußere und innere Natur ein, immer höher wachsen die Berge der Sachen, der Werte und der Schulden. „Aber wohin?“ Was ist das Ziel unseres Fortschritts, unseres Bemühens um Steigerung?

1. „Sach“zwang der Beschleunigung

Wir sind unablässig bemüht, Zeit einzusparen. Wir rüsten uns mit einem gigantischen Arsenal Zeit sparender Maschinen aus, wir kochen mit Schnellkochtöpfen, wir fahren mit Hochleistungslimousinen, wir kommunizieren mit Handys und Internet, wir produzieren auf Roboterstraßen usw. Wir streichen Pausen und schaffen das Warten ab, wo immer der Fluss der Nonstop-Aktivitäten behindert werden könnte. Wir arbeiten rund um die Uhr, rund um die Woche, rund um das Jahr. Wir konsumieren, was das Zeug hält, verlängern die Ladenöffnungszeiten, locken bereits im Spätsommer mit Schoko-Nikoläusen, im Spätwinter mit Schoko-Osterhasen. Wir ernähren uns im Winter von Sommerfrüchten, machen im Sommer Winterurlaub, im Winter Sommerurlaub. Wir tun längst mehrere Dinge gleichzeitig. Wir essen während des Fernsehens, wir telefonieren während des Autofahrens, wir erholen uns beim Einkaufen im Erlebniskaufhaus.

Aber bei all dem Bemühen um Schnelligkeit, Pausenlosigkeit und Gleichzeitigkeit ist immer irgendwie unklar, wo die eingesparte Zeit eigentlich bleibt. Wann werde ich den Zeitdruck wirklich los? Wächst nicht mit dem Bemühen um effiziente Kontrolle und Nutzung der Zeit gleichzeitig oft auch der Berg nicht erledigter Aufgaben und nicht ausgeführter Pläne? Vermehrt sich beim Kampf gegen die zerrinnende Zeit nicht oft sogar der Stress? Schlimmer noch: Beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass unser Umgang mit Zeit noch viel weiter reichende Folgen hat. Aus der Physik des Alltags wissen wir, dass Beschleunigungsphasen nicht nur mit einem besonders hohen Energieaufwand einhergehen, sondern mit dem Tempo eines bewegten Körpers auch dessen Steuerung schwieriger wird. So kann eigentlich nicht verwundern, dass die Beschleunigung mit einer fatalen Zwangsläufigkeit immer wieder Rückschläge produziert: Beschleunigungsfallen. Wer zu schnell fährt, der landet schnell im Graben. Wer sich nicht Zeit zum Nachdenken nimmt, der macht schnell einen Fehler. Und wer Raubbau an seinem Körper und seiner Seele treibt und rücksichtslos mit seiner sozialen und natürlichen Umwelt umgeht, der kann eines Tages eine saftige Rechnung präsentiert bekommen.

Geld verdienen und Geld ausgeben, und Beides möglichst schnell und pausenlos, damit man in der Konkurrenz nicht zurückfällt – das kennzeichnet das Leben des modernen Menschen. Dieses Leben wird gern mit dem Lauf des Hamsters im Hamsterrad verglichen. Hamsterräder sind zunächst nur harmlose Spielzeuge für Nagetiere. Was haben diese Spielzeuge der Hamster mit den Technologien, Institutionen und Verhaltenszwängen der Menschen in der modernen Gesellschaft gemeinsam? Erstens macht es den Hamstern offenbar immer wieder Spaß, in das Rad zu steigen und loszutreten, vielen Menschen auch. Zweitens kommen die Hamster bei all ihrer Treterei nicht vom Fleck, wie auch Menschen ganz oft das Gefühl haben, trotz riesigen Energie- und Zeitaufwands nur auf der Stelle zu treten. Wenn das Hamsterrad dann einmal in Fahrt gekommen ist, heißt es drittens: Mithalten! Besonders für Nachzügler, die noch dazu steigen, ist das keine ungefährliche Angelegenheit. Da kann man leicht den Tritt verfehlen und unsanft auf Rücken oder Bauch landen. Auch das gilt für Hamster und für Menschen.

Der Witz ist, dass die Hamster offenbar klüger mit den physikalischen Eigenheiten ihres Spielzeugs  umgehen als die Menschen mit ihrer Tretmühle. Erstens trippeln die Hamster gleichmäßig vor sich hin, die Menschen erhöhen das Tempo ständig. Und zweitens steigen die Hamster aus, wenn sie keine Lust mehr haben, die Menschen tun das meist nicht. Die Dummheit der Menschen hängt nicht primär mit einer angeblich angeborenen Ruhelosigkeit und Gier zusammen. Vielmehr haben sie in ihre Tretmühle eine fatale Rückkoppelung eingebaut: Je schneller sie treten, desto schneller dreht sich das Rad. Und je schneller sich das Rad dreht, desto schneller müssen sie treten um mitzuhalten. Das menschliche Hamsterrad hat also eine eingebaute so genannte „positive“ Rückkoppelung, die der Volksmund „Teufelskreis“ nennt. Gemeint sind Rückkoppelungen zwischen objektiven Anforderungen und subjektiven Anstrengung. Sie begegnen uns in der Welt des schulischen Lernens, des Arbeitens, des Konsumierens. Dort nehmen nämlich die erwarteten Gütestandards mit den erbrachten Leistungen ständig zu. Die so genannte  Leistungsgesellschaft wird von einer ständigen Hochrüstspirale in Bezug auf Lernen, Produktivität und Aufmerksamkeit angetrieben. Es genügt nicht, gut zu sein, es genügt auch nicht besser zu werden, sondern, weil auch die anderen gut sind und ständig besser werden, muss ich einfach immer noch besser sein. Die Menschen treten im Hamsterrad also nicht nur auf der Stelle, sie tun dies zudem mit steigendem Aufwand. Und wenn sie nicht durch äußere Umstände daran gehindert werden, endet dies in vielen Fällen in der finalen Erschöpfung.

Wie wir wissen, münden viele, wenn nicht die meisten Ausbruchsversuche in der Sackgasse. Aber neben den individuellen Fluchtweg bleibt immer noch ein zweiter, ein kollektiver. Im Bild des Hamsterrades: Als Menschen haben wir eine Möglichkeit, welche die Hamster nicht brauchen und auch nicht haben: Wir können prüfen, ob wir das Rad nicht gemeinsam und koordiniert verlassen und so die rasende Fahrt in die globale Erschöpfung beenden können. Diese Prüfung erfordert einige Fragen: Wer hat uns das Hamsterrad eigentlich hingestellt? Gott? Die Natur? Bestimmte Mitmenschen, die uns keine Ruhe gönnen? Haben wir es uns gar selbst gebastelt?

2. Die Suche nach dem Motor

Eine genauere Analyse des Hamsterrades mit seinem eingebauten Tretmühlen-Effekt zeigt: Es handelt sich in vielen, vermutlich in den meisten Fällen um sogenannte „Sach“zwänge, die die Akteure auf allen Ebenen dazu veranlassen, das Tempo ständig zu erhöhen und den rechtzeitigen Ausstieg zu versäumen. Freilich muss der Begriff des Sachzwangs ideologiekritisch beleuchtet werde. Der Zwang nämlich, dem sich diese Menschen ausgesetzt sehen, geht nicht von Sachen im Sinn von Naturgegebenheiten aus, sondern in letzter Instanz natürlich ebenfalls von Menschen, die diesen Zwang aber über einen langen Zeitraum und zumeist ohne Absicht durch die Art und Weise der gesellschaftlichen Interaktion in die Welt gebracht haben. Dieser menschliche Ursprung verschwindet im Bewusstsein hinter der Massivität der Zwänge immer mehr. So treten sie ihm schließlich als übermächtige Gewalt gegenüber – wie das Wetter und die Jahreszeiten. In den Wissenschaften werden im Wesentlichen vier verschiedene Ansätze zur Erklärung der Beschleunigung in der modernen Welt diskutiert.

– Von einer naturwissenschaftlichen Perspektive aus wird die Eigenart des Evolutionsprozesses als Motor angeführt. Die Geschichte der Evolution des Lebens ist in der Tat eine gigantische Beschleunigungsgeschichte. Je mehr Zeit seit dem Urknall vergangen ist, desto dichter sind die Neuerungen gefolgt, desto komplexer die Geschöpfe geworden. Mit dem Auftreten des Menschen, mit seiner Fähigkeit, Erfahrungen nicht nur genetisch, sondern auch sprachlich an seine Nachkommen weiterzugeben, wurde die Evolution nochmals um Dimensionen beschleunigt. Die heutige Hochgeschwindigkeitsgesellschaft kann dieser naturwissenschaftlichen Deutung zufolge insofern als kulturelle Fortsetzung dessen begriffen werden, was die Natur bereits angelegt hat. Problematisch an diesem Ansatz ist, dass er die Frage nicht beantwortet, warum das Tempo gerade in den letzten Jahrhunderten so sehr zugenommen hat.

– Aus einer geistesgeschichtlichen Perspektive wird besonders auf die kulturelle Beschleunigung in der Neuzeit verwiesen. Je mehr dem Menschen an der Nahtstelle zwischen Mittelalter und Neuzeit das Vertrauen auf ein Leben nach dem Tod abhanden gekommen war, desto ausschließlicher wurde er auf dieses eine irdische Leben verwiesen. Das Leben wurde buchstäblich zur „letzten Gelegenheit“ (Marianne Gronemeyer). Jetzt galt es, in dieses eine Leben möglichst viel hineinzupacken, es möglichst intensiv zu leben. Damit wurde die Zeit systematisch knapp. Mehr noch: Alle Mittel, die zur besseren Kontrolle der Zeit ersonnen wurden, erhöhten nicht nur das Lebenstempo, sondern gleichzeitig die Vorstellung davon, was im Leben noch alles möglich sein könnte. Für den spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Menschen ist so die Lebenszeit und die Weltzeit, also das im individuellen Leben Erreichbare und das in der objektiven Welt Mögliche, immer mehr auseinander getreten. Diese zunehmende Kluft treibt das Hamsterrad bis zum heutigen Tag gnadenlos an und lässt den Menschen nicht zur Ruhe kommen. Auch dieser Ansatz bleibt eine Antwort auf die Frage schuldig, warum gerade nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders nach 1989/90 und vor allem dort, wo die die heute weltweit herrschende Wirtschaftsordnung Einzug gehalten hat bzw. Einzug hält, der Zeitdruck derart zunimmt.

– Aus wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Perspektive rücken zwei weitere Beschleunigungsfaktoren ins Zentrum der Analyse. Der erste ist die Entwicklung der Produktivkräfte, also der Fortschritt der Technik, vor allem die fossile und digitale Revolution: Mit der Industrialisierung ging die „Abholzung“ des „unterirdischen Waldes“ (Peter Sieferle), also die systematische Nutzung der fossilen Energieträger, einher, die eine beispiellose Beschleunigung aller Produktions- und Transportprozesse nach sich zog. Die Digitalisierung des Umgangs mit Information und Kommunikation gab der Entwicklung schließlich einen zweiten Beschleunigungsschub, dessen Zeugen wir heute sind. Aber können die industrielle und die digitale Revolution die Zunahme des Lebenstempos tatsächlich erklären? Könnte die technische Beschleunigung nicht genauso gut das Gegenteil bewirken? Könnten sie die Menschen nicht endlich zur Ruhe kommen lassen, weil die Arbeit schneller getan ist?

3. Die Eigendynamik des Geldes im Kapitalismus

Dass die Nutzung der fossilen und digitalen „Sklaven“ für eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit mit aller Macht verhindert wurde und wird, dafür sorgt eine andere Errungenschaft der Moderne: das gleichzeitige Vordringen der Macht des Geldes, hinein in die letzten Winkel und Ritzen der Lebenswelt des Menschen. Die eigenartige Wirkung des Geldes hatte bereits der griechische Philosoph Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. entdeckt, als er die Art und Weise seiner Verwendung genau analysierte.

Solange Geld nur Mittel für den Tausch von Gebrauchswerten ist, so Aristoteles, geht von ihm keine Gefahr aus. Sobald aber das Geld zum Zweck des Tausches erhoben wird, der Tausch also der Vermehrung des Geldes mit Hilfe von Zinsen dient, entsteht eine neue Situation. Denn das Geld an sich hat, im Gegensatz zu einem stofflichen Gebrauchswert wie ein Leib Brot oder ein Paar Schuhe, der nach dem Gebrauch erloschen ist, kein Maß in sich. Die Maßlosigkeit des Geldes, die in der Gier der großen Geldbesitzer nur ihr deutlichstes Symptom zeigt, ist der eigentliche Motor der Beschleunigung in der Moderne. Die Geldlogik treibt uns nicht nur, wenn wir als abhängig Beschäftigte unsere Arbeitskraft verkaufen oder wenn wir als kleine Selbstständige uns auf einem Markt mit großen Konzernen messen lassen müssen. Die Geldlogik treibt uns auch nicht nur, wenn wir aus irgendeinem Grund bei der Bank einen Kredit aufnehmen, den wir dann mit Zins und Zinseszins zurückzahlen müssen. Die Geldlogik treibt uns letztlich durch all die indirekten Zinszahlungen, die in den Produkten des Alltagslebens enthalten sind. Dies sind Zwangsabgaben, die wir mit jedem Kaufakt an die Geldverleiher zahlen müssen. Die Gelderwerbswirtschaft, so Aristoteles, macht den Menschen maßlos und zersetzt auf Dauer jede Gesellschaft.

Marx schließt in seiner Kritik der Gelddynamik genau hier an, argumentiert aber, dass hinter dem Zinseinkommen letztlich nichts anderes als der Mehrwert steht, den der Geldbesitzer als Kapitalist sich durch die Ausbeutung fremder Arbeit systematisch aneignen kann. Die Folgen der im Geld institutionalisierten Gier und Maßlosigkeit werden im übrigen immer dann besonders deutlich, wenn es, wie seit der Entstehung des Kapitalismus regelmäßig der Fall, zum Zusammenbruch von Finanzmärkten, zum Einbruch der Realwirtschaft und schließlich – in besonders schweren Fällen – zur Auflösung der demokratischen Ordnung kommt. Auch die gegenwärtige Euro-Krise hat aus kapitalismuskritischer Perspektive hier ihren eigentlichen Ursprung.

Wer also hat uns das Hamsterrad hingestellt und wer betreibt es? Wenn es überhaupt jemanden gibt, der das ganze Rennen veranstaltet, ohne selbst an ihm teilzunehmen, dann sind es die wenigen Nutznießer des Hamsterrades: die Besitzer der großen Geldvermögen und Aktienpakete. Von ihnen kann am ehesten gesagt werden, dass sie außerhalb sitzen und zuschauen können, wie wir uns abstrampeln. Das Ganze funktioniert aber nur, weil wir alle tagtäglich aufs Neue mitmachen. Und genau das macht uns beschleunigungskrank.

Zum Autor: Dr. Fritz Reheis, Privatdozent, Akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Politikwissenschaft I, Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Universität Bamberg

Veröffentlichungen siehe Literaturliste:  z.B. „Reifezeiten“, Kreativität der Langsamkeit“, „Bildung contra Turboschule“, „Entschleunigung- Abschied vom Turbokapitalismus“.

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