Trauern braucht Zeit

Trauer braucht Mitmenschen, eine Heimat und Zeit

von Hanna Thiele-Roth und David Roth
Trauerbegleiter und Bestatter/ Bestattungshaus Pütz-Roth Bergisch Gladbach

Foto: (c) Manfred Esser

Bei einer  unserer Führungen durch das Haus der menschlichen Begleitung, zu Gast war eine 9. Klasse aus Bensberg, stellte einer der Schüler eine interessante Frage: „Warum gilt der November eigentlich als Trauermonat?“ Einer seiner Klassenkameraden hatte eine Antwort: „Na` weil im November die meisten Menschen sterben.“ Das statistische Bundesamt würde dem Schüler widersprechen. Denn pro Monat sterben durchschnittlich etwa 70.000 Menschen in Deutschland und im November nicht mehr, als in anderen Monaten.

Der Trauermonat November hat sein Image wahrscheinlich durch die vielen Feiertage die mit Tod und Trauer zu tun haben. An Allerheiligen gedenkt die katholische Kirche ihren Heiligen, an Allerseelen allen Verstorbenen. Die Protestanten erinnern sich am Totensonntag an die Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres. Der Volkstrauertag ist der Gedenktag an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Im November werden die Tage kürzer, die Temperaturen fallen, der Himmel ist dunkel und von Wolken verhangen. Die Erntezeit ist vorüber und die Bäume verlieren ihr Laub. Die Natur bettet sich zur Ruhe und das Jahr geht zu Ende. Nur wenige Blumen wie die Schneeheide blühen noch – sie stehen einsam und verlassen wie der Trauernde.

Wir finden, es wird Zeit die Trauer aus dieser dunklen Jahreszeit herauszuholen. Der Trauermonat November taugt nicht mehr als Ritual, da die alten Riten und Bräuche die meisten Menschen sowieso nicht mehr erreichen. Was auch damit zu tun haben könnte, dass einem Düsterkeit und Melancholie dieses Monats schon genug zu schaffen machen. Wir schlagen deshalb vor den Mai zum Trauermonat zu erklären. Für uns ist Trauer eine Form von Liebe, deshalb gehört sie, wenn man schon über einen Trauermonat nachdenkt, in den Monat der Liebe.

Der Tod gehört zum Leben. Es ist wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern. An einem Trauertag sollte man sich nicht nur an die Verstorbenen erinnern, sondern auch an sein eigenes Lebensende. Jeder Tag des Jahres taugt zum Trauertag und zum Freudentag, denn Leben und Sterben gehören untrennbar zusammen.

Wir versuchen Menschen Mut zu machen, sich ihre Toten und die damit verbundenen Gefühle von niemandem stehlen zu lassen. Wir ermuntern sie, die mit dem Verlust entstehenden Bedürfnisse nach Ausdruck anzunehmen. In der Trauer spüren wir, wie wertvoll Gemeinschaft und auch Gemeinde ist. Trauer braucht, wenn wir ehrlich sind, im Regelfall keine Seminare und Therapien. Trauer braucht – wie auch die guten Stunden des Lebens – Gemeinschaft. Trauer braucht Mitmenschen.

Der Trauernde braucht Zeit, um seine Toten von der Verstandesebene auf die Herzensebene zu überführen. Und der Trauernde braucht einen Raum, wo er seine Gefühle leben kann, denn Trauer braucht eine Heimat und keine bestimmte Jahreszeit.

Es ist für uns ein großes Anliegen, die Toten wieder in Bereiche des alltäglichen Lebens, also nach Hause und in die Kirche zu holen. Wir dürfen den Tod nicht nur in den erschreckenden Bildern der täglichen virtuellen Welten wahrnehmen, sondern wir müssen uns des Todes auch in der Realität bewusst sein.

Jeder Tod ist in unserer Gedankenwelt für den, der damit leben muss, wie eine Amputation. Es wird ihm etwas abgeschnitten, was wie selbstverständlich Bestandteil seines Beziehungsgeflechtes war: der alte Vater, das Kind, die Partnerin…

Wenn einem Menschen ein Bein amputiert wird, dann kommt er im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Tritt, verliert das Gleichgewicht und liegt auf dem Boden. Was dieser Mensch dann nicht braucht, das sind all die „Ratschläge“ derer, die meinen, ihn trösten zu müssen. Oft sind solche Ratschläge mehr Schläge als Rat. Was ein solcher Mensch aber braucht – und das ist auch unsere Bitte an Seelsorger, Bestatter und an alle, die an dieser Schnittstelle des Lebens arbeiten – ist eine „Krücke“. Eine Krücke im positiven Sinn, die einfach da ist, an der sich der Trauernde hochziehen kann, mit der er seine Situation stabilisieren kann, die ihn aushält, mit all seiner Aggression und Verzweiflung. Eine Krücke, die Mut macht seinen Weg zu finden und das Leben wieder zu lernen.

Trauern ist ein langer, manchmal lebenslanger Prozess. Ein solcher Prozess endet nicht nach sechs Wochen. Und an der Seele bleibt – wie bei jeder Amputation – immer eine Narbe zurück. Diese Narbe tut auch nach langer Zeit weh, mal weniger, mal stärker. Und es ist wichtig, dass über diese Narben geredet wird und sie nicht totgeschwiegen werden.

Trauern bedeutet Gefühle zeigen. Wenn wir in einer solchen Situation des Verlustes nicht Gefühle zeigen, ja, weinen können und dürfen, in welcher Situation sollten wir es denn sonst tun können? Gleichzeitig bedeutet trauern aber auch, danke zu sagen. Wenn dieser Mensch nicht gelebt hätte, wäre die Welt anders – unabhängig davon, ob er nur einen Wimpernschlag im Mutterleib gelebt hat oder ob er hundert Jahre alt geworden ist. Wenn in einer solchen Stunde dann das, was diesen Menschen beseelt hat und was von ihm ausgegangen ist, als Erinnerung in den Herzen der Anwesenden verankert wird, dann besteht die Chance, aus einer Trauerfeier eine Geburtstagsfeier werden zu lassen. In einem solchen Moment kann eine neue Lebendigkeit geboren werden.

Bestattungen und Trauerbegleitung Pütz-Roth

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