Spielen und Zeit

 

In Potsdam findet jährlich der Internationale Spielmarkt statt. Das Thema der letzten Veranstaltung hieß „Ein Spiel für alle Fälle“. Die Veranstalter haben hier einmal beleuchtet, welche weitreichenden Dimensionen es hat, wenn man sich Zeit für das Spielen nimmt.

Ein Spiel für alle Fälle
Identitäten suchen, verlieren, finden

Spielforscher gehen davon aus, dass Kinder bis zum vollendeten sechsten Lebensjahr ca. 15.000 Stunden spielen. Das sind ca. 7 – 8 Stunden pro Tag ! Im Schulalter über die Pubertät bis zur Volljährigkeit erweist sich Spiel als wichtiges Experimentierfeld in Vorbereitung auf die Wechselfälle des Lebens.

Im Spiel können Interaktionsprozesse wirksam werden, die die Individuation und Identitätsbildung der Heranwachsenden beeinflussen und die kulturelle Integration fördern.

Das Konzept der spielerischen Erprobung und Persönlichkeitsentwicklung im Experiment endet aber nicht mit der Pubertät. Auch Erwachsene spielen lebenslang das Spiels mit der Identität. Neben Musik, Sport und Kunst sind es vor allem die alltäglichen Rollen – Spiele in Familie und Beruf, die uns bis ins Seniorenalter lust- und schmerzvoll begleiten. Der amerikanische Psychiater Eric Berne hat dies in seinem Buch “ Spiele der Erwachsenen“ sehr anschaulich in 36 psycho-sozialen Rollenspielen ganz eigener Art beschrieben. Er hat unter den Erwachsenen solche Spiele wie “ Mach mich fertig“, „Ich versuche nur, dir zu helfen“, “ Die werden noch einmal froh sein, dass sie mich gekannt haben“ oder auch “ Du siehst, ich gebe mir wirklich die größte Mühe“ entdeckt und analysiert.

Diese „Spiele“ haben häufig Wiederholungscharakter und hindern uns gelegentlich an einem Perspektivwechsel. Wenn wir uns aber selbst dabei auf die Schliche kommen, kann das zur Ressource werden, die wir für eine konstruktive Lebensgestaltung nutzen können.

Es muss einen inneren Motor geben, der uns immer wieder, ein Leben lang, mit viel Spannung zur Suche nach dem Neuem, Unbekannten treibt. Dieser geheimnisvolle Antrieb gewinnt möglicherweise seine Kraft daraus, dass die Entdeckungen in der Außenwelt immer auch einen neuen Aspekt der eigenen Identität enthüllen. Vielleicht ging es Columbus mehr um seine Identität als um den neuen Weg nach Indien. Einsteins ewiges Kind war ein Gegenspieler im Erwachsenen, der es ihm ermöglicht hat, Anfänger auf immer höherem Niveau zu werden.

Staunen und Phantasie bringen sicheres Wissen wieder durcheinander und helfen es neu zu ordnen.

„Ein Spiel für alle Fälle – Identitäten suchen, verlieren, finden“ mag auf den ersten Blick dazu ermuntern, im Notfall ein Spiel aus dem Zylinder zu zaubern und als Leiterin oder Lehrer auf diese Weise einen gewünschten gruppendynamischen Effekt zu erzielen oder ein Thema zu eröffnen. Sicher, für solche Fälle gibt es auch auf dem nächsten Spielmarkt zahlreiche Angebote. Bei genauerer Betrachtung aber eröffnet das Thema für 2006 einen Raum in das endlose Spiel der Differenzen: Dialoge, Fragen, Fehler, Missverständnisse und schließlich das Spiel selbst und die Erfolge beim spielerischen Lernen und Entdecken. Es betrifft also nicht nur den Fußball, wenn es heißt:“nach dem Spiel ist vor dem Spiel“.

Spielen begünstigt ein Experimentieren mit riskanten und unkonventionellen Verhaltensakten, da ein eventuelles Scheitern im Spiel für die „wirkliche“ Lebenswelt folgenlos bleibt. Spielen drängt aus den Sicherheiten heraus und sucht immer wieder Ungewissheit und das Risiko. Was man im Leben noch nicht bewältigen kann, lässt sich aber im Spiel schon thematisieren.

Ob wir den Anforderungen an eine flexible Identität genügen können, hängt auch davon ab, ob und wie es gelingt im Alltag ein spielerisches, wertschätzendes Miteinander zu organisieren. Spiel bietet dafür mit seinen Verfremdungen und Regeln einen hilfreichen Rahmen. Gestalten heißt dann, dass Menschen im respektvollen Miteinander etwas erreichen.

Eltern werden ihre Aufmerksamkeit möglicherweise besonders auf Angebote lenken, die ein gemeinsames Spielen von Erwachsenen und Kindern ermöglicht. Ein spielendes Miteinander stiftet Gemeinschaft und trägt natürlich zur Identitätsbildung in der Familie bei. Das Elternhaus ist die Basisstation, wo das Kind individuelle und kommunikative Fähigkeiten entwickeln kann, die ganz wesentlicher Teil einer späteren Identität als Erwachsener ist.

Für Erzieherinnen und Erzieher bietet das Thema auch die Möglichkeit zu schauen, ob nicht auch die Erwachsenen von der Offenheit der Kinder lernen können. Es gibt zukunftsfähige Kita – Konzepte in denen vorgesehen ist, dass sich auch PädagogInnen ruhig von Kindern kräftig irritieren lassen sollten. Entwicklungen sind da keine Einbahnstraße.

Lernen ist nicht nur das Ergebnis von gezielten Angeboten zur Erweiterung des Wissens. Vielmehr handeln Kinder in sinnverbundenen Lebensbezügen und qualifizieren dadurch ihre Kompetenzen, die sie für ihr gegenwärtiges und zukünftiges Leben brauchen. Über diese Erfahrungen entwickeln sie ihre Identität. Über das Spiel organisieren sich Kinder – und Jugendliche oft selbst ihre adäquaten Lernsettings.

Persönlichkeit wird zunehmend zur wichtigsten Ressource eines Menschen auf dem Arbeitsmarkt.

Immer mehr Schulen, Einrichtungen und auch weite Bereiche der Wirtschaft entdecken die Chancen von offenen, erlebnisorientierten Bildungsangeboten zur Persönlichkeitsentwicklung.

Ein wesentlicher Teil der Sinngebung des Sports, seine Selbstdeutung und seine Legitimation erfolgt über das Spiel. Sport bietet uns ein kulturell geformtes und normiertes Bewegungskonzept. Im Sport verbinden sich eindeutig geregelte Handlungssituationen mit individuellen Spielkulturen Einzelner. Individualität zu fördern und gleichzeitig zu lernen, sie in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, ist ein wesentlicher Beitrag des Sports für die Ausbildung von Sozialverhalten bei Kindern – und Jugendlichen.

Im Bereich der Gemeinde – und Religionspädagogik wird es darauf ankommen, jenseits von überlieferten kirchlichen Formen Kindern und Jugendliche zu eigenen, kreativen Ausdrucksformen ihres Glaubens- und Weltverständnisses zu ermuntern. Offenheit ist eine Voraussetzung für gelebte Spiritualität.

Die heilende und formgebende Kraft der Natur nutzt die Erlebnispädagogik um vor allem jungen Menschen wieder elementare Erlebnisse zu ermöglichen. Menschen machen Erfahrungen, aber noch viel mehr schaffen die Erfahrungen Charaktere und Identitäten. Die psychischen, physischen und sozialen Herausforderungen solcher Erlebnisse sorgfältig zu reflektieren und einen Transfer in den Alltag herzustellen, ist der Beitrag der Erlebnispädagogik bei der Herausbildung von Identitäten.

Das Spiel ist also auf dem Weg hin zu einem gesunden Erwachsenen nicht einfach nur ein Nebenprodukt einer Entwicklung noch ist es ein verzichtbares Produkt im menschlichen Lebenszyklus.

Das Spiel ist gewissermaßen der Hauptberuf eines jeden Menschen. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt ( Schiller ).

Dies gilt für die Freizeitpädagogik ebenso wie für die Erwachsenenbildung, für die Schule wie für den Kindergarten: Identitäten bilden sich im Experiment!

Spielmarktteam, Internationaler Spielmarkt Potsdam, Thomas Lösche

Mehr zum Spielen und aktuelle Ankündigungen zum Spielmarkt Potsdam unter: www.spielmarkt-potsdam.de

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